Zum Inhalt springen

10 Fragen, 10 Antworten: V2X-Technologie im Verkehrsmanagement mit Kathrin Hagemann

1. Was fasziniert dich persönlich an der V2X‑Technologie und warum ist sie für den ÖPNV so relevant?

V2X ist die erste Technologie, die Verkehrsteilnehmende direkt untereinander und mit der Straßeninfrastruktur vernetzt.V2X ist die erste Technologie, die Verkehrsteilnehmende direkt Dynamik und mit der Straßeninfrastruktur vernetzt. 

Mich fasziniert besonders, dass dadurch aus einem Verkehrssystem mit vielen einzelnen, weitgehend unabhängig arbeitenden Komponenten ein kooperatives und intelligentes Gesamtsystem wird. Genau daher kommt auch der Begriff Kooperative Intelligente Verkehrssysteme (K-IVS bzw. C-ITS). 

Was mich vor allem an C-ITS begeistert, ist die Kombination aus Vielfalt und Zusammenarbeit. Die Technologie reicht von ÖPNV-Priorisierung über Gefahrenwarnungen und intelligente Verkehrssteuerung bis hin zu Anwendungen, die heute teilweise noch gar nicht realisiert sind. Dadurch gibt es ständig neue Fragestellungen, neue Anwendungsfälle und ich lerne immer noch täglich Neues dazu. 

Gleichzeitig steckt hinter V2X ein Erfolg europäischer Zusammenarbeit. Über mehr als 20 Jahre haben Expertinnen und Experten aus ganz Europa gemeinsam Standards entwickelt, damit Fahrzeuge, Infrastruktur und Verkehrsmanagement systemübergreifend miteinander kommunizieren können. Genau dieser Austausch mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Disziplinen und Unternehmen macht mir persönlich nach wie vor unglaublich viel Spaß. 

2. Kannst du ÖPNV‑Priorisierung per V2X in einem Satz erklären?

Bei der ÖPNV-Priorisierung per V2X kommunizieren die Fahrzeuge und die LSA erstmals digital und bidirektional miteinander und machen dadurch die ÖPNV-Priorisierung dynamischer, zukunftsfähiger und flexibler. 

Optimierung der Straßenkapazität

ÖPNV-Priorisierung

Geringere Emissionen und mehr Sicherheit in unseren Städten durch die verkehrsabhängige Priorisierung von Fahrzeugen des öffentlichen Verkehrs.

Verbesserung der Verkehrssicherheit

Einsatzfahrzeug-Priorisierung

Höhere Sicherheit und geringere Emissionen in unseren Städten durch vernetzte Priorisierung für Einsatzfahrzeuge.

3. Welche Vorteile bietet V2X im Vergleich zu klassischen Priorisierungsverfahren wie Induktionsschleifen oder Infrarot?

V2X bietet vor allem Vorteile bei Wartung, Dynamik und Vielseitigkeit. 

Bei der Wartung sind V2X-Komponenten deutlich einfacher handhabbar. Während beispielsweise ein Defekt einer Induktionsschleife oft aufwendige Straßenarbeiten und lange Ausfallzeiten nach sich zieht, sind V2X-Geräte robust ausgelegt und direkt für Service und Diagnose erreichbar. 

Ein weiterer Vorteil ist die Dynamik. Klassische Systeme liefern der Ampel nur an einzelnen Detektionspunkten Informationen über ein Fahrzeug. Vernetzte Mobilität hingegen ermöglicht einen kontinuierlichen Informationsaustausch, beispielsweise zur erwarteten Ankunftszeit des Fahrzeugs. Dadurch kann die Priorisierung laufend an die tatsächliche Verkehrssituation angepasst werden. 

Und schließlich die Vielseitigkeit: Mit denselben V2X-Komponenten lassen sich neben der Priorisierung viele weitere Anwendungen realisieren – von Qualitätsanalysen und Grünen Wellen bis hin zu Sicherheitsfunktionen wie Fußgänger- oder Rotlichtwarnungen. Ist die Technologie einmal installiert, können viele neue Anwendungsfälle später einfach per Software ergänzt werden.

4. Was macht V2X konkret für den ÖPNV – wie verändert es Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Effizienz, und worin liegt der größte Nutzen für Städte, Betriebe und Fahrgäste?

V2X macht die ÖPNV-Priorisierung intelligenter, dynamischer und transparenter. Durch die bidirektionale Kommunikation zwischen Fahrzeug und Ampel wissen beide Seiten jederzeit, was die andere tut. 

Statt nur einzelne Detektionspunkte auszuwerten, kann die Ampel kontinuierlich aktuelle Informationen wie die erwartete Ankunftszeit oder eine Verspätung berücksichtigen. Dadurch wird die Priorisierung deutlich gezielter, der Verkehrsfluss verbessert sich und Busse sowie Straßenbahnen werden zuverlässiger und pünktlicher. 

V2X geht auch weit über die klassische Priorisierung hinaus. Fahrzeuge können beispielsweise eine Abfahrtsempfehlung erhalten, um eine Kreuzung genau bei Grün zu erreichen. Das vermeidet unnötiges Bremsen und Anfahren, erhöht den Fahrgastkomfort und spart Energie. 

Der größte Nutzen ist für mich, dass alle profitieren: Städte erhalten einen effizienteren Verkehrsfluss, Verkehrsunternehmen einen zuverlässigeren Betrieb und Fahrgäste eine pünktlichere und komfortablere Fahrt. 

5. Welche Rolle spielt V2X bei der Verkehrswende und der Attraktivitätssteigerung des öffentlichen Verkehrs?

Beschleunigung des Modal Shift Infografik (16-9)

V2X kann helfen, nachhaltige Verkehrsmittel attraktiver zu machen. Wenn Busse und Straßenbahnen schneller, pünktlicher und zuverlässiger unterwegs sind, profitieren Fahrgäste unmittelbar davon. 

Genau darin sehe ich eine große Chance von V2X: Der Verkehr wird intelligenter gesteuert und ÖPNV sowie Radverkehr können gezielt gestärkt werden. 

6. Welche einzigartigen Lösungen bietet Yunex Traffic in diesem Bereich – und was unterscheidet uns von anderen?

Was uns aus meiner Sicht besonders auszeichnet, ist unser Blick auf das Gesamtsystem. Wir entwickeln nicht nur V2X-Komponenten, sondern auch Ampelsteuerungen, Verkehrsmanagement und Verkehrssteuerung. Dadurch können wir neue Funktionen von Anfang an systemübergreifend denken und Lösungen schaffen, bei denen Fahrzeuge, Infrastruktur und Verkehrsmanagement optimal zusammenspielen. 

Gleichzeitig waren wir der erste Hersteller, der die europäischen C-ITS-Sicherheitsanforderungen gemäß EU CPOC sowohl für Roadside Units als auch für Onboard Units umgesetzt hat. Gerade bei einer vernetzten Technologie wie V2X ist Sicherheit eine wichtige Grundlage. 

Spezialfall „Rail2X“

Wirklich toll finde ich unsere Lösungen im Schienenbereich. Mit der OBU2X-R verfügen wir über ein für leichte Schienenfahrzeuge zugelassenes Gerät und haben als erster Anbieter die Steuerung von Straßenbahnweichen per V2X umgesetzt. Das ist ein Anwendungsfall, an den ich selbst noch vor wenigen Monaten nicht gedacht habe. Und auch der ist mit V2X super umsetzbar und ersetzt klassische, wartungsintensive Detektionssysteme. 

Für mich macht genau diese Kombination den Unterschied aus: Wir verstehen nicht nur die V2X-Kommunikation selbst, sondern auch das Zusammenspiel von Fahrzeugen, Infrastruktur und Verkehrsmanagement. Dadurch können wir Lösungen entwickeln, die über einzelne Komponenten hinausgehen und im Gesamtsystem einen echten Mehrwert schaffen.  

7. Gibt es ein Projektbeispiel, das besonders gut zeigt, wie V2X‑Priorisierung in der Praxis wirkt?

Ein Beispiel mit schon besonders vielen ausgestatteten Bussen ist die Stadt Graz. Wegen der Abschaltung der analogen Funkfrequenz für die Priorisierung haben sie alle Busse und Trams mit unseren OBUs ausgestattet.

Die gesamte Priorisierung läuft nun über V2X und gleichzeitig gibt es viele zusätzliche Daten zur Verkehrslage in der Stadt und zur Fahrplanlage der ÖPNV-Fahrzeuge. Gibt es hier konkrete Zahlen oder Beispiele, wie viel schneller, effizienter der ÖPNV nun ist? 

8. Welche Herausforderungen begegnen euch häufig und wie löst ihr sie?

Das ist eine schöne Frage. Als ich bei Yunex Traffic angefangen habe, dachte ich, ÖPNV-Priorisierung sei im Grunde Anfrage senden, verarbeiten, fertig. In der Praxis steckt aber deutlich mehr dahinter.

Jede Kreuzung und jede Lichtsignalanlage hat ihre eigenen Anforderungen, und gleichzeitig müssen viele Komponenten perfekt zusammenspielen – von OBU und RSU bis hin zur Mobilitätsplattform. Dabei gibt es viele verschiedene Umsetzungsvarianten, die konfiguriert werden können. Das läuft natürlich nicht immer alles auf Anhieb, irgendein Teufel ist oft gut im Detail versteckt.

Das Schöne ist dabei, dass unser Team super engagiert ist und wir sehr gut mit unseren Partnern – z.B. den OBU-Herstellern – zusammenarbeiten. Durch Analysen und gute Abstimmung untereinander finden wir immer eine Lösung. 

9. Welches Missverständnis über V2X würdest du gerne aus der Welt schaffen?

Ein Missverständnis, mit dem ich gerne aufräumen würde, ist, dass V2X nur eine teure Lösung zur ÖPNV-Priorisierung ist.

Natürlich erfordert die Einführung eine Investition. Oft wird dabei aber unterschätzt, wie viele weitere Anwendungen dadurch möglich werden. Von lokalen Gefahrenwarnungen über präzisere und umfänglichere Daten für das Verkehrsmanagement bis hin zur Weichensteuerung im Schienenverkehr oder dem Schutz von Fußgängern und Radfahrern.

Mit einmal aufgebauten V2X-Geräten können solche Funktionen Schritt für Schritt per Software ergänzt werden. Für mich liegt genau darin die eigentliche Stärke von V2X: Man investiert nicht in einen einzelnen Anwendungsfall, sondern schafft Möglichkeiten, um viele verschiedene Herausforderungen im Verkehr anzugehen. 

10. Was sollten Städte oder Verkehrsbetriebe heute tun, um sich optimal auf eine V2X‑Zukunft vorzubereiten? Welche Entwicklungen werden die nächsten Jahre prägen?

Jede Stadt hat andere Voraussetzungen, deshalb gibt es keine „One-fits-all“ Antwort.

Mein Rat wäre: früh anfangen, Erfahrungen sammeln und sich mit anderen austauschen. Es gibt verschiedene Events wie z.B. das jährliche C-ITS Forum, bei dem der Fokus  besonders auf den Austausch zwischen Experten, erfahrenen Umsetzern und Neueinsteigern gelegt wird.

Wer sich heute mit C-ITS beschäftigt, Pilotprojekte umsetzt und bestehende Fördermöglichkeiten nutzt, schafft eine gute Grundlage für die Zukunft. Die nächsten Jahre werden vor allem davon geprägt sein, dass V2X nicht mehr nur für einzelne Anwendungen wie die ÖPNV-Priorisierung genutzt wird, sondern zunehmend verschiedene Bereiche wie Schienenverkehr, Verkehrsmanagement, Verkehrssicherheit und den Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmer miteinander verbindet.

Aus meiner Sicht wird Vernetzung ein selbstverständlicher Bestandteil des Verkehrs der Zukunft sein.